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1 LP - C
91 112 - (p) 1962 |
 |
1 CD -
CDZ 25 2242 2 - (c) 1990 |
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1 CD - 9
28333 2 - (p) & (c) 2013 |
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LÜBECK - Eine
abendmusik in St. Marien |
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Franz Tunder
(1614-1667) |
1. Sinfonia a 7
viole "Da pacem Domine" - in
DDT band 3, herausgegeben von Max
Seiffert, Leipzig 1901
|
1' 49" |
A1
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Dietrich Buxtehude
(1637-1707) |
2. Laudate pueri
- Kantate für 2 Soprane, 6 Gamben
& B.c. |
6' 31" |
A2
|
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3. Mein Herz ist
bereit - Kantate für Bass, 3
Violinen & B.c. (57. Psalm
Davids) |
11' 09" |
A3
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4.
Präludium und Fuge g-moll |
8' 18" |
A4
|
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Franz Tunder |
5. Ach Herr,
lass deine lieben Engelein -
Kantate für Sopran,
4 Gamben & B.c. |
6' 29" |
B1
|
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Dietrich Buxtehude |
6. Ach Herr,
mich armen Sünder -
Orgelchoral |
3' 21" |
B2
|
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Nicolaus
Bruhns (1665-1697) |
7. Ich liege und
schlafe - Kantate für Chor, 4
Solostimmen, Streicher & B.c.
(Psalm 4,9) |
16' 03" |
B3
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|
Johannes
Brenneke, Orgel der Jakobi-Kirche
zu Lübeck (4,6) |
Windsbacher
Knabenchor / Hans Tamm,
Leitung (7) |
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Edith Mathis,
Sopran (2,5) |
Consortium Musicum,
(1-3,5,7) |
|
Maria Friesenhausen,
Sopran (2) |
-
Helmut Heller, Violin |
- Emil Seiler, Viola
(7) |
|
Hermann Prey,
Bariton (3) |
- Hans Gieseler, Violin |
- Heinz Jopen, Viola
(7) |
|
Lotte Schädle,
Sopran (7) |
- Hans Bastian, Violin
(3)
|
- Edith Klein, Viola
(7) |
|
Emmy Lisken,
Alt (7) |
- Werner Neuhaus, Violin |
- Werner Sattel, Viola
(7) |
|
Georg Jelden,
Tenor (7) |
- Matthias Nakaten,
Violin |
- Alfred Lessing, Diskant-Gambe
(1,2,5), Violone (7) |
|
Franz Müller-Heuser,
Bass (7) |
- Rolf Maschke, Violin |
- Rosemarie Lahrs, Diskant-Gambe
(1), Alt-Gambe (2) |
|
|
- Helga Thoene, Violin |
- Otto Kober, Alt-Gambe
(1), Tenor-Gambe (2) |
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- Ruth
Nielen-Wagner, Violin (7)
|
- Heinrich
Haferland, Alt-Gambe
(1,5), Tenor-Gambe (2) |
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- Horst Hedler, Tenor-Gambe
(1,2,5), Violoncello (7) |
- Gerhard Naumann, Tenor-Gambe
(1,2,5) |
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|
- Heiner Spieker, Violone
(1,2,5) |
- Eugen M. Dombois,
Theorbe (1,2,5) |
|
|
- Walter Kraft, Positiv
(1,2,5) |
- Wolfgang Meyer, Positiv
(3) |
|
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- Rudolf Zartner, Positiv
(7) |
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Luogo
e data di registrazione |
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-
Grunewaldkirche, Berlin (Germania)
- gennaio 1962 (3)
- Münster, Heilbronn (Germania) -
giugno 1962 (7)
- Marienkirche &
Jakobi-Kirche, Lübeck (Germania) -
giugno 1962 (1,2,4-6) |
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Registrazione:
live / studio |
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studio |
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Producer /
Engineer |
|
Gerd
Berg / Christfried Bickenbach /
Horst Lindner |
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Prima Edizione
LP |
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Columbia
- C 91 112 - (1 LP) - durata 53'
59" - (p) 1962 - Analogico |
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Altre edizioni
LP
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- |
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Edizioni CD |
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EMI Electrola -
CDZ 25 2242 2 - (1 CD) - durata
53' 59" - (c) 1990 - ADD
EMI Music - 9 28333 2 - (1 CD) -
durata 53' 59" - (p) & (c)
2013 - ADD |
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Cover |
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Ausschnitt
aus dem Lübeck-Panorama des Elias
Diebel 1552 - St. Marien
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Die
Abendmusiken in St.
Marien
Zwanzig Kilometer vor
der Mündung der Trave in
die Ostsee liegt die
Hansestadt Lübeck,
inmitten weiter
ländlicher Bezirke
einstmals ein reger und
mächtiger Handelsplatz,
dessen Kaufmannschaft
und
Schiffahrtsgesellschaften
ihre Koggen bis in die
entferntesten Häfen
entsandten und die
Geschicke der Freien
Stadt mit Umsicht und
Sorgfalt Ieiteten. In
gemessener Entfernung
vom Dom, der
Bischofskirche, hatte
sich der Rat - im
Mittelpunkt der Stadt
und wenige Schritte vor
dem Rathaus - im 13.
Jahrhundert die St.
Marienkirche als einen
machtvollen Ausdruck
seiner Repräsentation
und Würde erbaut. Der
Kupferstich (1641) von
Matthäus Merian zeigt
die wuchtige Silhouette
in der Mitte der
türmereichen Stadt.
Umflossen von den
Wassern der Unter- und
Obertrave bildet der
befestigte Platz eine
enge Geschlossenheit,
die sich stets in einem
vorsorglichen und
umsichtigen
Gemeinschaftsgefühl
ihrer Bürger wiederfand.
Der private Opfersinn
der Handelsherren
unterstützte nicht nur
die Einrichtungen des
sozialen Zusammenlebens
und einer vorbildlichen
Armenpflege, er förderte
ebenso die kirchlichen
und kulturellen Belange.
Immer wieder fanden sich
angesehene und
vermögende Bürger zur
weiteren Ausgestaltung
der St. Marienkirche
bereit: zur Stiftung
einer Sängerkapelle, zu
der Schenkung eines
Altars oder dem Ausbau
besonderer Emporen für
die Abendmusiken.
Zahlreiche Epitaphe mit
barocker Verzierung und
den Bildern der
Verstrbenen zeugten -
bis zur Zerstörung in
einer Bombennacht des
Jahres 1942 - von großen
Förderern, und der
berühmte Lübecker
Totentanz von Bernt
Notke vereinigte alt und
jung, arm und reich,
Patrizier und Bauern zu
unterschiedslosem Reigen
ins Dunkel des Todes.
Uber ihm, an der
Nordseite der Kirche,
sendete die
Totentanzorgel ihre
Fürbitte in Präludium
und Choral zu dem
allumfassenden Schöpfer,
dem die Menschen gläubig
und in unbegrenztem
Vertrauen anhängen.
So erhielt die
kirchliche Stätte ihr
besonderes Gepräge. Uber
die Bestimmung als
Gotteshaus hinaus diente
St. Marien dem Hoch- und
Wohlweisen Rate der
Stadt als
Versammlungsort für
wichtige Absprachen und
als Musikstätte, in der
die Herren Kaufleute und
Patrizier den Klängen
der großen Orgel an der
Westseite lauschten, bis
die Frachtenabschlüsse
mit den Schonen-,
Nowgorod-, Bergen-,
Riga-, Stockholmfahrern
und der Handel mit Salz,
Heringen, Wein und
Tuchen sie in die Börse
verwies. Nach dem
Beispiel der
niederländischen Städte
Amsterdam, Leiden und
Utrecht ließen sie sich
von ihrem Organisten
Franz Tunder des
Donnerstags, am
wöchent.lichen
Börsentag, zur
,Verkürzung der
Wartezeit etwas
vorspielen, und seine
große Kunst in der
Gestaltung der Toccaten,
Präludien und Fugen
erfreute sie zu ihrer
Kurzweil. Ihr Beifall
zeigte sich nicht allein
in anerkennenclen
Worten, er rief die
Opferfreudigkeit in Form
einer besonderen
„Accidenz" hervor, den
klingenden Beitrag aus
ihren Geldtaschen. Die
Börsenkonzerte bildeten
den Beginn der
Abendmusiken. Die
finanziellen Zuwendungen
nahmenı allmählich einen
stattlichen Umfang an.
Hinter der Großzügigkeit
und Spendenfreude der
Kaufherren wollte der
Organistund Werkmeister
Franz Tunder nicht
zurückstehen; er
bereicherte seine
Darbietungen durch
Hinzunahme weiterer
Solisten. Ratsmusikanten
mit ihren Violinen,
Gamben, Lauten sowie
Sänger traten hinzu, und
mit dem größeren Aufwand
bildete sich eine neue
Musikübung, die sich
nicht mehr nur an die
Börsenzeit hielt. Tunder
selbst sprach von
„Abendspielen", die an
bestimmten Tagen nach
dem Abendgebet für eine
größere Zuhörerschaft
erklangen.
Orgelvorträge,
Instrumentalsoli und
Gesangsstücke bildeten
das Programm dieser
„Abendspiele", die als
außergottesdienstliche
musikalische Ereignisse
zu jener Zeit
Eínmaligkeit besaßen.
Kurz vor seinem Tode
konnte der alte Meister
Tunder noch sein
Vermächtnis einem
Jüngeren in die Hände
legen. Der in Bad
Oldesloe 1657 geborene
Organistensohn Dietrich
Buxtehude, inzwischen
zum Betreuer des Amtes
an der Deutschen Kirche
in Helsingör gereift,
bewarb sich 1667 um den
angesehenen Posten des
Marienorganisten und
erhielt - nach seiner
Einwilligung, die
Tochter Tunders zu
heiraten - die Stelle.
Mit ihm zog ein Mystiker
und grüblerischer
Gestalter in das Amt
ein. Bald gewann
Buxtehude das Vertrauen
der Geistlichkeit. Er
war dem Hause des
Superintendenten Meno
Hanneken verbunden und
schrieb dem Sohn einen
Kanon ins Stammbuch. Er
erfreute sich der Gunst
von Christoph Siricius,
dem Sohn des ehemaligen
Pastors der
Marienkirche. Auch die
weltliche Obrigkeit
erkannte die Vorzüge
ihres Organisten. Die
Bürgermeister Johann
Ritter, Heinrich
Kirchring und Peter
Heinrich Tesdorpf
gehörten zu seinen
Gönnern. Der letztere»
hat später seinen Enkeln
„dess öfteren laut
gepriesen, daß der
seelige Buxtehude in der
Inbrunst seiner
Compositiones es wohl
verstanden habe, ihn die
himmlische Sehnsucht
vorahnen zu lassen. Er
hat auch für die
Erhaltung der
Advent-Musiken in St.
Marien in seinem Ambte
ein lautes Wort
geredet."
Unter Buxtehude bekamen
die Abendmusiken eine
neue Form. Anstelle der
regelmäßigen
Börsenkonzerte oder
abendlichen Vorführungen
verlegte er die
Aufführungszeiten auf
die beiden letzten
Trinitatissonntage und
den 2.bis 4. Advent.
Diese Tage waren bisher
musikalisch nicht
besonders bedacht
gewesen und dienten
vornehmlich der inneren
Einkehr und Buße vor der
Ankunft des Herrn. Nun
also fanden nach der
Sonntagsnachmittagspredigt
von 4-5 Uhr die
Abendmusiken statt. Nach
umfangreichen
Vorbereitungen, zu denen
der Ausbau von vier
weiteren Emporen neben
der Orgel gehörte,
begannen im Jahre 1673
die ersten Abendmusiken
Buxtehudes an den
vorgenannten Tagen. In
einem Brief an seine.
Gönner, die
„commercijrenden
Zünffte", konnte
Buxtehude diese
Veranstaltungen als „ein
sonst nirgendwo übliches
Werk" bezeichnen. Dank
der vielfachen Förderung
von Kaufmannschatt und
Rat war er als
Unternehmer dieser
großen Musiken in der
Lage, eine stattliche
Schar von Mitwirkenden
zu verpflichten. Einmal
schreibt er von einem
„weitläufigen“ Werk, zu
dem viele „Gehülffen an
Instrumentisten und
Sängern, beynahe an die
40 Persohnen"
erforderlich gewesen
seien. Bei den letzten
„extraordinairen"
Abendmusiken des Jahres
1705 waren nach den
Besetzungsangaben allein
schon so viele
Instrumentalisten
beteiligt: zwei Chöre
Trompeten und Pauken,
zwei Chöre Waldhörner
und Oboen, eine Sinfonia
all'unisono mit 25
Violinen sowie zwei
Vokalchöre zeugen von
dem Glanz und der
Herrlichkeit dieser
Festmusiken, die von den
Höhen der sechs Emporen,
mit den Orgeln und
getrennt aufgestellten
Sängerchören das
gewaltige Kirchenschiff
erfüllten.
Ein wahrhaft prominenter
Gast war unter den
Zuhörern dieser „Templum
Honoris" genannten
Abendmusik: der
zwanzigjährige Johann
Sebastian Bach, weiland
noch ein kleiner
thüringischer Organist
aus Arnstadt, in dem der
siebzigjährige Meister
an St. Marien die
göttliche Berufung ahnen
mochte. Vielleicht hat
er ihn, den vielseitig
begabten Jüngeren, um
seine Mitwirkung als
Organist, als
Hilfskapellmeister für
die getrennt
aufgestellten Chöre, als
Violenspieler oder
schlicht als Sänger
gebeten, hatte Buxtehude
doch so viele Helfer bei
diesem Werk des Jubels
und der Freude nötig!
Nicht immer genügten die
Solisten aus dem
Schulchor der
Lateinschule; dann
mußten die Sänger aus
Kiel, Hamburg oder
Lüneburg herbeigerufen
werden, um die Lücken
auszufüllen. Auch der
Chor der
Katharinenschule stand
dem Marienorganisten für
die Abendmusiken nicht
ohne weiteres zur
Verfügung. Es bedurfte
der Zustimmung des
Rektors, die erst der
achtungsvoll
vorgetragenen Bitte
folgte. Zusammenarbeit
und Einvernehmen mit dem
Kantor, dem allein im
Gottesdienst der
Kirchenchor unterstand,
schufen günstige
Voraussetzungen, und es
fügte sich glücklich,
daß der Inhaber dieses
Amtes in Buxtehudes
ersten Dienstjahren sein
Schwager Samuel Franck
war. Auch er hatte eine
Tochter Tunders
geheiratet, und die
Verwandtschaft
erleichterte die
Verhandlungen des
dienstlichen Verkehrs.
Neben der künstlerischen
Aufgabe des Komponierens
und Eínübens der
Abendmusiken ist die
umsichtige
organisatorische
Vorbereitung nicht
gering zu achten. Der
Druck der Textbücher,
gewöhnlich in 4°,
geschah bei besonderen
Anlässen der
Jahrhundertfeier oder
der außerordentlichen
Abendmusiken im
Großformat. Die Texte
wurden den Honoratioren
persönlich zugestellt
und dienten als Ausweis
für die besseren Plätze
auf dem Lettner inmitten
der Marienkirche.
Besondere Wachen sorgten
für die Beachtung der
bevorrechteten Sitze.
Auch sonst war der
Einsatz der Stadtwache
notwendig, um für Ruhe
und Ordnung in der
abendlich dunklen Kirche
zu sorgen. Einmal waren
es 5 Korporale und 18
Gemeine, die Buxtehude
zu besolden hatte, und
nicht immer vermochten
die Hüter der Ordnung
der Unruhe und Störungen
Herr zu werden. Der
Aufwand an Kerzen war
groß; für die besondere
Versorgung der Herren
Bürgermeister, der
Herren des Rates und
anderer vornehmer
Zuhörer mit Licht mußten
allein 2 Pfund kleine
Wachslidıte berechnet
werden. Aber zur
strahlenden Beleuchtung
der ganzen Marienkirche
reichte es nicht, und so
sammelte sich in den
dunklen Ecken eine von
der Musik weniger
berührte Zuhörerschaft,
die zur Ruhe ermahnt
werden mußte.
Die Chöre mochten wohl
auswendig singen, aber
die Instrumentalisten
mußten mit Kerzen
versorgt werden.
Zahlreich waren die
Ratsmusikanten
beteiligt. Sie bildeten
den Stamm des
Orchesters, das aus
Violinen, Violen, Tenor-
und Baßgamben, Flöten,
Zinken, Fagott,
Baßbombard, Trompeten,
Waldhörnern, Posounen
und Pauken bestond.
Unter den solistisch
konzertierenden Aufgaben
waren
Instrumentalpartien, die
der Leistung der
Ratsmusikanten und
Stadtpfeifer alle Ehre
machten. In der
Stadtbeschreibung Konrad
von Hövelens, „Der
Kaiserlichen Freien
Reichs-Stadt Lübeck
Glaubund Besöhewürdige
Herrligkeit", stellt der
Verfasser fest, daß „die
Rates-Musici gar hohen
Wörtes" sind. Sie
bildeten die allzeit
bereite Musikerschaft
der Stadt und setzten
für die Abendmusiken
-und Kantaten in St.
Marien ihr ganzes Können
ein.
Uber die kompositorische
Anlage der Abendmusiken
unterrichten uns die
Textbücher und
erhaltenen Kantaten.
„Die Hochzeit des
Lammes", nach dem
Gleichnis der fünf
klugen und fünf
törichten Jungfrauen
1678 aufgeführt, beginnt
mit einer
Instrumentalsonate. Ihr
folgt der Gesang zweier
Engel mit der frohen
Verkündigung der Ankunft
des Bräutigams. In
Rezitativen, Arien und
Duetten schließen sich
die Aussagen von Jesus,
den Klugen und den
Törichten an, wöhrend
die personifizierte
Kirche, der himmlische
Chor und die Seligen die
choríschen Blöcke an den
großen bezeichnenden
Stellen bilden. In, der
Abendmusik von 1700
stehen freie Dichtungen
neben Psalmkompositionen
und Chorölen. Der 4.
Advent bringt als fünfte
Folge der Abendmusik
eine Wiederaufnahme des
zu Anfang des
Jahrhunderts
„praesentierten
Jubiläeums oder
hundertjährigen Gedichts
vor die Wohlfahrt der
Stadt Lübeck". Es
mischen sich rein
weltliche Stücke mit
ein, wie der eben
genannte Text oder das
„Winterlied" der vierten
Folge. „Das
allererschröcklichste
und allererfreulichste /
nehmlich Ende der Zeit
und Anfang der Ewigkeit"
und „Die Himmlische
Seelenlust" sind als
zyklische Abendmusiken
nur dem Titel nach
bekannt. Die
„extraordinairen"
Abendmusiken des Jahres
1705, als Gedenkfeier
zum Tode Kaiser Leopolds
I., „Castrum Doloris"
genannt, und das
„Templum Honoris" als
Freudenfest zur
Thronbesteigung Josephs
I. liegen ebenfalls nur
im Textbuch vor.
So gibt es keine
erhaltene Musik zu
diesen oratorienartigen
Werken, aber das Erbe
von über hundert
.Kantaten, von denen
einzelne sehr wohl in
den Abendmusiken
erklungen sein können,
läßt uns den Gehalt und
Wohlklang der Kunst
Buxtehudes ahnen, die
erst in unseren Tagen so
recht ín seinem Orgel-
und Kantatenwerk zu uns
zu sprechen beginnt.
GEORG
KARSTÄDT
Tunder - Buxtehude -
Bruhns
Die Entwicklung der
Musica sacra in Lübecks
Marienkirche findet in
dem Wirken zweier Männer
einen imponierenden
Höhepunkt, der weit über
das rein geschichtliche
Interesse in die
Musikpflege unserer Tage
hineinstrahlt: Franz
Tunder und Dietrich
Buxtehude. Diesen beiden
muß Nicolaus Bruhns an
die Seite gestellt
werden, denn obwohl er
an der Marienkirche nie
ein kirchenmusikalisches
Amt bekleidet hat, stand
er als Líeblingsschüler
Buxtehudes geistig der
Lübecker Kirchenmusik
jener Glanzzeit sehr
nahe. Daß aus dem
Lieblingsschüler nicht
auch der Nachfolger
Buxtehudes werden
konnte, verhinderte ein
allzu hartes Geschick,
das diesen hochbegabten
Musiker und Komponisten
schon mit 51 Jahren aus
dem Leben riß.
FRANZ TUNDER, 1614 auf
der
schleswig-holsteinischen
Ostseeinsel Fehmarn
geboren, war 1632-41
Organist am Gottorper
Hof. Hier pflegte er
engen Verkehr mit einem
Schüler des großen
italienischen
Orgelmeisters Girolamo
Frescobaldi, dessen
Kunst für ihn als
Orgelkomponisten wie als
Orgelspieler von großer
Bedeutung wurde. Wie
später Johann Sebastian
Bach, so nahm auch
Tunder begierig die
Anregungen auf, die ihm
eine hochentwickelte
ausländische Musik bot,
um sie dann in seiner
Art zu verarbeiten und
etwas Neues, typisch
Deutsches zu schaffen.
So wurde Tunder zum
Begründer der
norddeutschen
Organistenschule, die,
von Buxtehude zu
absolutem Höhepunkt
gebracht, auch für Bach
von großer Bedeutung
wurde. 1641 wurde Tunder
als Organist an die
Marienkirche nach Lübeck
berufen. Hier widmete er
sich, neben seinen
gottesdienstlichen
Aufgaben und der
Komposition von Kantaten
für die auf dem Lettner
aufgeführte Sonn- und
Festtagsmusik des
Kantors, vor allem dem
Ausbau der
„Abendmusiken". Durch
die Mitwirkung einzelner
Instrumental- und
Gesangssolisten wurde
ausden - ursprünglich
nur von der Orgel
bestrittenen -
„Abendspielen" der
Anfang des späteren
Kirchenkonzerts, einer
außerhalb des
Gottesdienstes liegenden
kirchenmusikalischen
Veranstaltung, bei der
man auf instrumentalem
Gebiet keine scharfe
Grenze zwischen
kirchlích gebundener und
weltlicher Musik zog. So
war schon bei Franz
Tunder das
kompositorische Schaffen
sehr vielseitig, wovon
seine zahlreichen Werke
Zeugnis ablegen. Er
starb am 5. November
1667 und vererbte sein
Amt an seinen
Schwiegersohn DIETRICH
BUXTEHUDE.
Dieser wurde als Sohn
des Organisten Johannes
Buxtehude 1637 in
Oldesloe geboren. Sein
Vater ging wenige Jahre
später in gleicher
Stellung nach
Helsingborg und
Helsingör; das war keine
Auswanderung ins
Ausland, war doch
Holstein damals mit
Dänemark nicht nur
staatspolitisch, sondern
auch auf dem Gebiet der
Musikpflege schon seit
den Zeiten von Heinrich
Schütz eng verbunden.
Über die Jugend- und
Studienjahre Buxtehudes
fehlen genaue
Nachrichten; bekannt ist
nur, daß er mit etwa 20
Jahren Organist an St.
Marien in Helsingborg
war und seit 1660 als
Organist der Deutschen
Kirche in Helsingör
wirkte. Es darf
angenommen werden, daß
Buxtehude schon vor dem
Tode Tunders nach Lübeck
kam, in der zweiten
Tochter Tunders seine
zukünftige Frau und in
der Orgelbank der
Lübecker Marienkirche
seine zukünftige
Wirkungsstätte sah. Fünf
Monate nach Tunders
Ableben, am 11. April
1668, wurde er zum
Marienorganisten
gewählt; am 5. August
des gleichen Jahres,
wenige Tage nachdem ihm
das Bürgerrecht in
Lübeck verliehen worden
war, fand die Hochzeit
mit Anna Margareta
Tunder statt. -
Buxtehude setzte das
Werk Tunders als
Orgelkomponist und
Orgelspieler, als
Komponist von Vokal- und
Kammermusikwerken sowie
als Organisator der
Abendmusiken großartig
fort. Zunächst verhütete
er die vom
Kirchenvorstand
beabsichtigte
Abschaffung der
Abendmusiken und
verlegte sie vom
Donnerstagabend auf den
Sonntagnachmittag. Dann
zog er sehr bald Chor
und Orchester zur
Mitwirkung heran, was
nach dem Bau von neuen
Emporen möglich wurde.
Das Wort „Abendmusik"
verwendete Buxtehude
selbst in doppelter
Bedeutung: zunächst war
damit das Konzert als
Veranstaltung gemeint,
dann aber - in einem
Brief von 1689 - sprach
er von der „Abendmusik
vom verlohrenen Sohn".
Hier bezeichnet das Wort
„Abendmusik" eine ganz
bestimmte, nur in
Lübecks Marienkirche
gepflegte Sonderform des
mehrteiligen Oratoriums,
dessen einzelne Teile
oder „Vorstellungen“ an
den verschiedenen
Aufführungs-Sonntagen
„präsentieret" wurden Im
Lauf von etwa 35 Jahren
entstanden zahlreiche
zwei- bis fünfteilige
Werke, die fast alle -
mit Ausnahme
verschiedener Titel,
eines Textbuches und nur
einer vollständigen
Musik („Das Jüngste
Gericht") - verschollen
sind. Aus einem weiteren
Textbuch sowie aus
vereinzelten
Briefstellen und
Berichten Buxtehudes
sehen wir, daß nicht
jedes Jahr eine große,
in sich geschlossene
„Abendmusik" aufgeführt
werden konnte, sondern
daß der Meister auch
gemischte Programme -
ähnlich wie das auf der
vorliegenden
Schallplatte - in seinen
Abendmusiken
musizierte., Daß er
dabei auch Werke seines
Schwiegervaters und
seines Lieblingsschülers
aufführte, ist zwar
nicht verbürgt, aber
durchaus möglich. 1707,
zwei Jahre nachdem der
zwanzigjährige Bach von
Arnstadt nach Lübeck
gepilgert war, um von
dem großen Meister des
Nordens zu lernen, starb
Dietrich Buxtehude, der
genialste Musiker und
Komponist, der je in
Lübecks Marienkirche
gewirkt hat.
NICOLAUS BRUHNS stammte
aus einem alten
norddeutschen
Musikergeschlecht;
seinen Großvater treffen
wir als Lautenist unter
den Mitwirkenden bei den
Abendmusiken Franz
Tunders. Nicolaus
wurde1665 in Schwabstedt
bei Husum geboren.
Zunächst von seinem
Vater ausgebildet, kam
er 1681 nach Lübeck und
wurde Schüler
Buxtehudes. Seine
späteren Wanderjahre
führten ihn nach
Kopenhagen. 1689 wurde
er nach glänzendem
Probespiel als Organist
an den Domgzu Husum
berufen. Noch im
gleichen Jahr gab es
einen heftigen Streit
zwischen den Städten
Kiel und Husum um den
hochgeschätzten
Organisten, der nicht
abgeneigt war, die
Husumer Orgelbank mit
der der Kieler
Nikolaikirche zu
vertauschen, schließlich
aber doch in Husum
blieb. Von all seinen
Mitarbeitern, Kantoren,
Ratsmusikanten, von
kunstverständigen
Pfarrern und einem
wohlgesinnten Rat der
Stadt verehrt und
unterstützt, entfaltete
Bruhns in Husum, eine
segensreiche Tätigkeit.
„Leider aber währte
diese Freude nicht
lange, indem ihn der Tod
schon im 31. Lebensjahr
hinwegraffte, von
jedermann bedauret, daß
ein solcher trefflicher
Meister in seiner
Profession, auch
vertragsamer Mann, nicht
länger leben sollen."
WILLY
MAXTON
Ein
Kirchenkonzert anno
1700
Franz
Tunder Sinfonia à 7
viole
„Diese Sinfonia ist
gesetzt für ein Muttedt
(Motette) Da pacem
Domine." So heißt es in
der Vorlage der
Universitätsbibliothek
Uppsala. „Sinfonia" ist
in der vorbachschen Zeit
nichts anderes als ein
oft nur wenige Takte
langes Instrumentalstück
zur Einleitung eines
Vokalwerks oder eines
neuen Abschnitts. Wird
der Bogen, wie in unserm
Fall, weiter gespannt,
dann begegnen wir oft
der dreiteiligen Form.
Eine langsame Einleitung
im geraden Takt (2/2,
4/2 oder 4/4) - hier 18
Takte -, ein schneller
Mittelteil im 3/2-Takt
(30 Takte) und ein
kurzer, nur fünf Takte
langer Schlußteil,
wieder im langsamen
geraden Takt, bilden ein
einheitliches Ganzes. Im
kunstreichen Satz für
sieben (!) reale
Stimmen, die von Gamben
musiziert werden,
erzielt Tunder einen
überaus satten Klang,
der zweifellos dem Text
der ursprünglich
folgenden - leider
verschollenen - Motette
„Gib Frieden, Herr" eine
musikalische Deutung
geben sollte. Man
beachte im Mittelteil
die in der Barockmusik
so beliebten
Echowirkungen.
Dietrich Buxtehude -
laudate, pueri
(Psalm 112)
In diesem „Kleinen
geistlichen Konzert", um
mit Heinrich Schütz zu
sprechen, begegnen wir
dem gleichen satten und
dabei doch so
durchsichtigen
Gambenklang diesmal von
sechs realen
instrumentalstimmen, zu
denen die beiden
Vokalsolisten gleichsam
wie ein zweiter Chor
hinzutreten, häufig nur
von der kleinen Orgel
(Positiv) und Theorbe -
einer großen Laute mit
bis zu acht Baßsaiten
und sechs Griffsaiten -
begleitet. Eine
achttaktige Sinfonia
umrahmt das Werk und
erklingt in ihren ersten
vier Takten noch einmal,
ehe die kleine
Doxologie, das „Gloria
patri", den Psalm zum
Abschluß bringt. Die
Instrumente begleiten
nicht einfach, sie
singen vielmehr den Text
nach - oder auch vor -
und erheben sich so zum
gleichberechtigten
Partner der Vokalisten.
Dietrich Buxtehude
Mein Herz ist bereit
(Psalm 57, V. 8-12)
Dieses deutsche
Psalmkonzert ist ein
prachtvolles Gegenstück
zu „Laudate, pueri": Das
Ziel - die musikalische
Deutung des Textes - ist
das gleiche, ebenso der
Stil, den der Komponist
anwendet. Ganz anders
sind jedoch die Mittel.
Anstelle der
altertümlichen Gamben
erklingen die in der
zweiten Hälfte des 17.
Jahrhunderts immer
stärker hervortretenden
Violinen. An die Stelle
der zwei Solosoprane
tritt ein Baßsolist. Die
Doxologie - in der
evangelischen
Kirchenmusik nicht
unbedingt gefordert -
ist vom Komponisten in
diesem Werk weggelassen.
Die einleitende Sinfonia
- hier von Buxtehude als
Sonata bezeichnet - ist
dreiteilig: Adagio 2/2,
Allegro 6/4, Adagio 2/2.
Dietrich Buxtehude -
Prtiludium und Fuge
g-mall für Orgel
Daß Buxtehude in den
Abendmusiken die Orgel
auch solistisch
erklingen ließ, ist
nirgends überliefert. Es
wäre aber wohl
unrichtig, wollte man
annehmen, daß der größte
Orgelmeister vor Johann
Sebastian Bach sich in
den Abendmusiken - zumal
wenn es sich um
gemischte Programme
handelte - nicht auch
als Orgelvirtuose hören
ließ; es ist durchaus
möglich, daß ein
Orgelsolo so
selbstverständlich war,
daß es an keiner Stelle
erwähnt wurde. Das
g-moll-Werk zeigt uns
den ganzen
Phantasiereichtum des
Lübecker Meisters. Wo
Bach in den
Orgelpräludien gewaltige
Bögen spannt, überrascht
Buxtehude immer wíeder
durch kleinere neue
Abschnitte, deren
Kontraste ein überaus
farbenprächtiges Bild
geben. Einstimmig,
toccatenhaft beginnt das
Präludium. Bald gesellt
sich eine zweite
Manualstimme im gleichen
Sechzehntel-Rhythmus
dazu, bis nach sechs
Takten im Pedal ein
immer wiedetkehrendes
ostinates Baßthema von
sieben Viertelnoten
mächtig aufklingt. Aus
diesem wird dann ein
Fugenthema entwickelt,
das den zweiten
Abschnitt bildet. Ein
kurzes, wieder ganz
toccatenartiges Allegro,
der dritte Abschnitt,
ist sehr prägnant
zweiteilig gegliedert.
Der. vierte, letzte und
größte Abschnitt ist
wieder eine Fuge, Largo
3/2-Takt, die in eine
wiederum toccatenartige
Coda mündet. Bach
übernahm diese Form in
seinen frühen
Klavier-Toccaten.
Franz Tunder - Ach
Herr, laß deine lieben
Engelein
In diesem Werk begegnen
wir einem Choral-Konzert
über die dritte Strophe
des Liedes „Herzlich
lieb hab ich dich, o
Herr". Zwei faktoren
sind es, die den Aufbau
bestimmen: ein
musikalischer und ein
textlicher. Das
konzertierende Element
mit je einer Sinfonla zu
Beginn und in der Mitte,
mit
Orchester-Zwischenspielen,
kontrastreichen Takt-
und Tempowechseln,
Koloraturen und
Melodie-Varianten in der
Singstimme steht ganz im
Dienst der für Tunder
und Buxtehude typischen
Textauslegung, die nicht
so sehr die
Choralstrophe als Ganzes
behandelt (wie es später
bei Bach der Fall ist),
sondern vielmehr dem
geistigen Gehalt ihrer
einzelnen Textteile
nachgeht. Es wäre völlig
abwegig zu fragen,
welche Art der Auslegung
die bessere sei.
Schätzen wir uns
glücklich, daß die
Lübecker Meister es
anders machten als der
Leipziger Thomaskantor!
Dietrich Buxtehude -
Orgelchoral „Ach Herr,
mich armen Sünder"
Dieser kurze Orgelchoral
à zwei Claviere und
Pedal bringt die Melodie
- den meisten Hörern
unter dem Text „O Haupt
voll Blut und Wunden"
bekannt - auf einem
besonderen Manual in der
Oberstimme. Sie erklingt
zunächst in ihren
Grundnoten, um dann
durch melismatische
Umspielung zu tiefer
subjektiver
Ausdruckskraft
vorzustoßen. Die beiden
Mittelstimmen - auf
einem zweiten Manual mit
der linken Hand gespielt
- und der Baß
verarbeiten gelegentlich
fugiert die Kopfmotive
der einzelnen
Choralzeilen in kurzen
Vor- bzw.
Zwischenspielen und
geben so nicht nur eine
schlichte Begleitung,
sondern darüber hinaus
einen fast selbständigen
sehr eindrucksvollen
Zusammenklang. Wir hören
dieses Werk, wie auch
das g-moll-Präludíum,
auf der kleinen Lübecker
Jakobi-Orgel, auf der
vermutlich schon
gastweise Franz Tunder,
Dietrich Buxtehude und
der 20-jährige Bach
gespielt haben.
Nicolaus Bruhns - Ich
liege und schlafe
(Psalm 4, V. 9)
Während in den drei
ersten Vokalkonzerten
unserer Reihe nur
Bibeltext oder
Kirchenlied vertont ist,
tritt in diesem Werk als
Neuerung des 17.
Jahrhunderts die
zeitgenössische freie
Dichtung zum Bibelwort.
Es handelt sich dabei um
die Kompositionsgattung
der „Musikalischen
Andacht", bei der ein
kurzer Bibeltext meist
in motettischer Form für
Chor komponiert wird.
Dieser erste und
wichtigste Satz des
ganzen Werkes - oft von
einer Sinfonia
eingeleitet - wird am
Schluß wiederholt. Den
Mittelteil bilden
liedmäßige Solostücke
oder Duette mit
Ritornell, in dem jede
der Chorstimmen des
Eingangsstücks einmal
den Solisten stellt. Der
Text dieser Soloeinlagen
deutet den Bibeltext des
Chores. In unserem
Beispiel wird das
schlichte Abendlied des
Psalmisten zum
Sterbegesang (vielleicht
für eine
Begräbnisfeier?)
umgedeutet. Der
Komponist gliedert den
Psalmvers in drei klar
erkennbare Teile: „Ich
liege und schlafe"
Adagio 4/4 Takt), „ganz
in Frieden" (Allegro 3/2
Takt), „denn du allein,
Herr, hilfest mir"
(Allegro 4/4 Takt),
wobei das letzte Allegro
sich nach sieben Takten
zu einem regelrechten
Fugato entwickelt.
Bruhns führt hier nur
die beiden Bratschen und
den Instrumentalbaß
(Violoncello und
Violone) unisono mit den
Chorstimmen, während die
beiden Violinen
selbständige Stimmen
spielen, so die
Vierstimmigkeit zur
Sechsstimmigkeit
erweiternd.
WILLY
MAXTON
Die alten Lübecker
Orgeln
Als die „Keyserlike
Stadt Lübeck" in der
Mitte des 17.
Jahrhunderts mit dem
Marienorganisten Franz
Tunder ihren
eigentlichen Eintritt in
die Geschichte der
evangelischen
Kirchenmusik vollzog,
besaß sie in ihren fünf
gotischen Hauptkirchen
eine so große Zahl von
hervorragenden Orgeln,
daß sie schon damals den
späteren Beinamen „Stadt
der Orgeln" verdient
gehabt hätte. Nachdem
dann zu des Großmeisters
Dietrich Buxtehude
Zeiten der berühmte
Hamburger Orgelbauer Arp
Schnitger für den
Lübecker Dom wieder eine
große Orgel gebaut
hatte, verfügten alle
Hauptkirchen außer St.
Aegidien über je zwei
Instrumente, wobei die
„kleinen“ Orgeln, von
St. Marien und St.
Jakobi beachtlicherweise
auch dreimanualig waren.
Wenn man bedenkt, daß
die Entstehung dieser
Instrumente ausnahmslos
in das „klassische“
Zeitalter der
norddeutschen
Orgelbaukunst fällt,
welches von der
Spätgotik bis in das
ausklingende Barock
reicht, daß ferner neben
Schnitger so
hervorragende Meister
wie z. B. Jakob und Hans
Scherer sowie Friedrich
Stellwagen in den
Lübecker Kirchen
gearbeitet haben, so
wird man ermessen
können, welchen
unvergleichlichen
Reichtum die „Stadt mit
den goldenen Türmen" in
ihren Mauern barg, und
auch von daher
begreifen, daß Johann
Sebastian Bach im Winter
1705/06, seinen Urlaub
eigenmächtig um ein
Vielfaches
überschreitend, noch
viele Wochen nach
Beendigung der berühmten
Lübecker Abendmusiken
bei Buxtehude verweilte.
Hatte schon keine Stadt
damals einen als
Komponisten und
Orgelmeister gleich
großen Lehrmeister wie
diesen aufzuweisen, so
konnte ebensowenig
irgendein anderer Platz
einen so
unerschöpflichen Schatz
an wunderbaren Orgeln
bieten.
Bekanntlich konnte die
Orgelkunst aus Gründen,
die letztlich mit dem
mächtigen Aufschwung der
weltlichen Musikpflege
und der allgemeinen
Säkularisierung
zusammenhängen, in den
Epochen des Rokokos, der
Klassik und der Romantik
die mit den alten
Meistern und Bach
erreichte Höhe und
Strahlungskraft nicht
halten und vermochte
sich auch die
Stilelemente der jeweils
neuen Musiksprache nicht
wirklich zu eigen zu
machen. Daher versiegte
auch im Orgelbau mehr
und mehr die innere
Kraft, um bei
gesteigerten technischen
Fähigkeiten noch
wirklich neuartige und
eigenständige Orgeln
schaffen zu können.
Gleichwohl blieb Lübeck
in mehr als einer
Hinsicht bis in den
letzten Krieg hinein und
sogar, wenn nun auch mit
schmerzlichsten
Einbußen, bis in die
jüngste Gegenwart eine
„Stadt der OrgeIn". Ehe
die Brandfackel des
Bombenkrieges das Innere
von dreien der fünf
Hauptkirchen in Schutt
und Asche legte, konnte
man in jeder von ihnen
noch die herrlich
geschnitzten, mit
Intarsien und Malereien
reich verzierten alten
Orgelfassaden bewundern,
die auch für sich
genommen in der
allgemeinen
Kunstgeschichte
Bedeutung erlangt haben,
hinter denen freilich
das altehrwürdige
Pfeifenwerk zum größten
Teil durch neue,
handwerklich meistens
vorzüglich gearbeitete
Register ersetzt worden
war. Auch die nach dem
Schleifladensystem
gebauten alten
Spieleinrichtungen
hatten vielfach
vermeintlich besseren,
neuartigen Mechaniken
weichen müssen. Immerhin
aber waren die
Totentanz-Orgel in der
Marienkirche und die
„Kleine Orgel" in St.
Jakobi in ihrem
ursprünglichen Zustand
fast gänzlich unversehrt
geblieben; und auch die
Hauptorgel der
Jakobikirche wies noch
eine ganze Reihe von
Jahrhunderte alten
Registern auf.
Schließlich wasen die
Dom-Orgel - nächst der
1854 erbauten
viermanualigen
Hauptorgel der
Marienkirche die größte
Lübecks - und die Orgel
der Petrikirche in den
dreißiger Jahren, den
Erkenntnissen der
Orgelbewegung zufolge,
mit mehreren dem
barocken Vorbild
nachgebauten Registern
wieder heller,
durchsichtiger und
farbiger gemacht worden,
und die Aegidienkirche
hatte sogar eine ganz
nach den Grundsätzen der
alten Orgelbaukunst
gestaltete, neue,
dreimanualige Orgel
erhalten. In den Kreis
dieser Instrumente war
1937 noch ein aus
Ostpreußen stammendes,
dort 1723 als Hausorgel
gebautes Positiv
getreten, welches jetzt
seinen Platz in der
Briefkapelle der
Marienkirche hat.
Den letzten Weltkrieg
aber konnten - von
diesem Positiv und von
der Aegidien-Orgel
abgesehen - nur die
beiden Instrumente der
Jakobikirche überdauern;
und hierbei ist
besonders die Erhaltung
der „Kleinen Orgel" von
geradezu unschätzbarem
Wert. Ist sie doch nicht
nur das nunmehr einzige
lübeckische historisch
unveränderte
„Instrumentum" für die
gesamte vorbachische
Orgelkunst, sondern
zugleich eine der
schönsten und
berühmtesten alten
Orgeln überhaupt. Ihre
kräftigen und doch
gänzlich
unauidringlichen, in
sich selbst so
farbenreichen
Prinzipalregister
mitsamt den silbrig
leuchtenden Mixturen,
ihre Gedackte, Quintaden
und Rohrflöten mit der
wohl einzigartigen
Oktavzimbel des
Brustwerks und dem
glitzernden vierfachen
Scharf des Rückpositivs,
ihre barocken
Zungenregister, deren
Namen schon - wie Regal
und Schalmei, Krummhorn
und Trechterregal,
Trompete und Posaune -
eine Vorahnung von ihrer
zauberhaften und
reizvollen Klangwelt
vermitteln: dies alles
ist nahezu genau so auf
unsere Gegenwart
überkommen, wie es die
Meisterhände in
längstversunkener Zeit
geschaffen haben.
In der Geschichte dieser
Orgel spiegelt sich ihr
Wesen und ihre Bedeutung
wider. Der älteste Teil,
das Hauptwerk mit seinen
zehn Registern, zusammen
mit dem aus vier
Registern bestehenden
Pedal, entstand um 1480
als einmanualige
Chororgel für die
Stundengottesdienste der
Kleriker. Diese hatte
bald danach, mit der
Einführung der
Reformation, ihre
liturgische Funktion und
damit eigentlich ihren
Daseinszweck eingebüßt;
Aber obwohl „keine
Nachrichtung" vorlag,
„daß sie in hundert
Jahren gehört" worden
sei, erhielt sie auf
Grund einer privaten
Stiftung im Jahre 1637,
also mitten im
Dreißigjährigen Kriege,
ein Brustwerk mit sechs
und ein Rückpositiv mit
neun Registern und war
damit zu einem
vollständigen
dreimanualigen Orgelwerk
geworden. Da sich in der
Folgezeit das ganze
Interesse des
Presbyteriums auf die
Instandhaltung und
jeweilige
„Modernisierung" der
Hauptorgel richten
mußte, versank die
Kleine Orgel sozusagen
in einen
mehrhundertjährigen
Dornröschenschlaf und
blieb von den
Veränderungen der
Orgelbaukunst unberührt.
Zwar finden wir sie in
den
Kirchenrechnungsbüchern
immer wieder aufgeführt;
doch sind die an ihr
vorgenommenen Arbeiten
immer nur dazu bestimmt,
sie für die Zeiten
größerer Reparaturen dn
der Hauptorgel als
Aushilfsínstrument
spielbar zu machen, und
greifen in keiner Weise
in ihre innere Struktur
ein.
Somit fand die deutsche
Orgelbewegung bei der
denkwürdigen Orgeltagung
in Hamburg und Lübeck im
Sommer 1925 die Kleine
Jakobi-Orgel als ein
Werk vor, das wie nur
wenige andere seinen
originalen Charakter
bewahrt hatte und daher
für die Wiedererweckung
der altmeisterlichen
Orgelmusik wie für den
neuen Weg der Orgelkunst
überhaupt
richtungweisend wurde.
Die seither an diesem
Instrument vorgenommenen
Arbeiten dienten -
abgesehen von den
Erweiterungen des schon
für die Buxtehudische
Zeit unzulänglich
besetzten Pedals -
lediglich der Erhaltung,
Sicherung und
Restaurierung dieses
einzigartigen Kleinods,
welches nach seiner
Wiedererweckung in
zahllosen
Gottesdiensten,
Abendmusiken und
Rundfunksendungen „zur
Ehre Gottes und zur
Recreation des Gemütes”
erklungen ist.
JOHANNES
BRENNEKE
(Columbia
C 91 112)
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